Nur noch ein paar Tage bis Schottland und ich werde krank. Ich sehe mich bereits im Spital, doch zum Glück kommt es nicht so weit. Ein paar Tage Bettruhe, Antibiotika und der Arzt gibt mir grünes Licht für die Reise.
anreise
Am 1. Mai 2026 fahren wir zum Flughafen Zürich – in Basel wird gerade die Hauptpiste neu gebaut. Alles läuft so reibungslos, dass ich vor Begeisterung davon rede, künftig immer von dort aus fliegen zu wollen. Das Boarding verspätet sich um ein paar Minuten, kein Grund zur Aufregung.
Langsam rollen wir los und bleiben stehen. Minuten vergehen, dann die Info, dass etwas mit der Klimaanlage nicht in Ordnung sei. Wir fahren zum Gate zurück, Techniker versuchen, den Fehler zu beheben, aber das zieht sich. Schliesslich müssen alle Passagiere aussteigen und auf Neuigkeiten warten. Die einen suchen sich bereits Züge für die Heimreise heraus, andere wissen aus Erfahrung, dass die Reparatur unmöglich heute noch stattfinden kann, wieder andere fordern nach Essen wegen mehrstündiger Verspätung.
Ein Brummen auf dem Handy: Wir bekommen einen Gutschein über CHF 10 für Essen und Trinken in bestimmten Geschäften. Hat EasyJet sich schon mal die Schweizer Preise angeschaut?
Bei jeder Durchsage wird es mucksmäuschenstill im Terminal, um kurz darauf ernüchtert festzustellen, dass die Meldung einem anderen Flug gegolten hat. Doch dann die Nachricht: Der Schaden konnte behoben werden, der Flug startet. Ein Jubel geht durch die Menge, als ob die Heimmannschaft einen Sieg errungen hätte.
Mit mehrstündiger Verspätung landen wir in Edinburgh. Es ist bereits stockdunkel, als der Bus uns auf der Waverley Bridge entlässt. Ich schaue hoch: Vor mir leuchtet die Bank of Scotland, das alte Sandsteingebäude warm angestrahlt in der Nacht. Und links davon hängt der Vollmond – gross, rund, als hätte er extra auf uns gewartet. Dieser erste Moment in Edinburgh ist magisch.
Völlig verschwitzt kommen wir im Fraser Suites Edinburgh an. Der Fussmarsch mit schwerem Gepäck hatte es in sich – die Stadt geht ganz schön hoch. Drei herzliche Personen empfangen uns an der Rezeption, als wäre nachts um halb zwei die selbstverständlichste Ankunftszeit der Welt. Unser Zimmer liegt hoch über der Stadt, und weit unten, auf den Princes Street Gardens, steht das beleuchtete Scott Monument. Weit nach zwei Uhr schlafe ich ein.
edinburgh
auf den spuren von harry potter
Dreieinhalb Stunden später bin ich wieder wach. Ich stehe auf, trete ans Fenster und schaue hinunter: Das Monument steht noch da.
Draussen zeigt sich dieser erste Morgen überraschend freundlich: trocken, hell, fast mild. Edinburgh hält sein Wetter noch in Reserve. Also nutzen wir den Moment und gehen raus.
Erster Halt: die Greyfriars Bobby Statue vor dem gleichnamigen Pub. Der kleine Skye Terrier aus Bronze erinnert an einen Hund, der nach dem Tod seines Herrchens im Jahr 1858 vierzehn Jahre lang auf dessen Grab im nahe gelegenen Friedhof ausgeharrt haben soll – eine Geschichte, über deren Wahrheitsgehalt sich die Historiker bis heute streiten, die Edinburgh aber bis heute nicht loslässt.
Kurz darauf stehen wir vor dem Edinburgh Futures Institute, einem Gebäude der Universität Edinburgh, das wir zuerst für eine mittelalterliche Burg halten – und damit liegen wir gar nicht so falsch. Die historisierende Fassade mit ihren Türmchen und Bögen fügt sich nahtlos ins alte Edinburgh ein, als hätte es das Gebäude schon immer gegeben. Wir fotografieren ausgiebig und rätseln, ob dies wohl Rowlings Vorlage für Hogwarts gewesen sein könnte. Die Auflösung folgt auf der gegenüberliegenden Strassenseite: die George Heriot's School, eine altehrwürdige Privatschule aus dem 17. Jahrhundert, die mit ihren Türmen und Erkern tatsächlich Hogwarts in die schottische Wirklichkeit übersetzt. Leider versperren Zaun und Bäume die Sicht, aber ein paar Bilder kommen trotzdem zustande.
Dann der Greyfriars Kirkyard – ein Friedhof aus dem 16. Jahrhundert, der auf den ersten Blick düster und verwunschen wirkt und auf den zweiten genauso. Für Potter-Fans ist er Pflicht: Auf den alten Grabsteinen finden sich Namen, die man aus den Büchern kennt. Thomas Riddell – der Namensgeber von Tom Riddle, besser bekannt als Lord Voldemort. William McGonagall – Namenspate der Professorin Minerva McGonagall. Dazu Blacks, Moodys, Potters. Rowling hat immer bestritten, die Namen bewusst von hier übernommen zu haben – vielleicht hat sie den Friedhof einfach oft genug besucht, um sie unbewusst aufzuschnappen. Viele Gruppen sind unterwegs, einige davon deutsch oder schweizerdeutsch.
Über die bunte Victoria Street gelangen wir zur betriebigen Royal Mile und zum Edinburgh Castle. Genau in diesem Moment fängt es dann doch noch an zu regnen. Wer in Schottland darauf gewartet hat, kommt nicht weit – also machen wir weiter. Regen gehört dazu, und bald hört er auch wieder auf.
museen, hügel und parks
Das National Museum of Scotland lassen wir uns nicht entgehen – und das Beste daran: Der Eintritt ist gratis. Das Gebäude selbst ist von innen imposant, lichtdurchflutet, mit einer Weite, die man ihm von aussen nicht ansieht. Und dann steht man plötzlich vor Dolly – dem ersten geklonten Schaf der Welt, inzwischen ausgestopft und hinter Glas, aber immer noch ein bisschen unheimlich präsent. Auf die Dachterrasse mit dem angeblich schönen Stadtblick schaffen wir es nicht: Dreimal kommt der Lift, dreimal ist er gestopft voll. Wir lassen es gut sein.
Auf dem Calton Hill haben wir Glück mit dem Wetter. Von oben sehen wir Edinburgh von allen Seiten – Altstadt und Neustadt, das Firth of Forth in der Ferne, der Arthur's Seat dahinter. Man begreift hier oben, wie die Stadt gebaut ist, wie sie sich in die Hügel schmiegt. Es lohnt sich.
Unten in den Princes Street Gardens hören wir Strassenmusikanten zu, setzen uns auf eine Bank und lassen einfach die Zeit vergehen. Das ist schöner, als es klingt.
Das Scott Monument, das uns schon vom Hotelfenster aus begleitet, sehen wir uns von Nahem an. Den Paddington-Bären, der irgendwo in der Nähe sitzt, finden wir auch – aber keiner von uns möchte sich daneben setzen. Paddington stört das nicht.
Dann ist da das Dean Village. Auch wir bleiben zuerst stehen und fotografieren die hübschen alten Häuser, den Bach darunter – genau wie alle anderen. Doch kaum folgen wir dem Water of Leith flussaufwärts, wird es ruhiger; nach zehn Minuten ist die Stadt wie weggeblasen. Grüne Ufer, dichtes Blätterdach, gluckerndes Wasser und darüber ein Vogelkonzert, das sich die Seele aus dem Leib singt. Wir packen unsere Sitzkissen aus, lassen uns auf eine feuchte Bank nieder und hören zu. Mitten in einer Grossstadt – und doch so weit weg von ihr. Solche Momente findet man nicht, sie passieren einfach.
schottisch essen
Schottland hat eine Küche, die schlechter beleumundet ist als sie verdient. Wir beschliessen, uns selbst ein Bild zu machen – und essen uns durch, was die Karte hergibt. Das Full Scottish Breakfast im Café Edinburgh ist ein Ereignis: Bacon, Link Sausage, Lorne Sausage, Haggis, Baked Beans, Ei, Black Pudding, Tattie Scones, gebratene Pilze, gegrillte Tomate, Toast – alles da, alles gut. Dazu singt eine Gruppe norwegischer Männer an mehreren Nebentischen verteilt, spontan, laut und gut – bestimmt ein Männerchor auf Reisen. Die Bedienung strahlt, die Gäste strahlen, und wir strahlen mit.
Reiners Fish & Chips im Scottish Café & Restaurant sind ein kleines Gedicht: der Fisch saftig und frisch, die Panade luftig-zart. Meine Cullen Skink – eine Suppe aus geräuchertem Schellfisch, Kartoffeln und Lauch – ist gehaltvoll, fein und wärmt von innen. Dazu gibt es Brot, das von der Konsistenz her an Kuchen erinnert, aber hervorragend schmeckt. Haggis essen wir in der Whiski Bar, wo Reiner ihn als Tower mit Whisky-Sauce bekommt und sich auf der Stelle in ihn verliebt. Ich probiere seine Version und meine eigene – Rind- und Haggiswurst – und muss zugeben: Er hat recht.
Dann ist da noch das Irn Bru. Das leuchtend orange Nationalgetränk hat einen Ruf, der einen zweifeln lässt – zu süss, zu künstlich, zu seltsam. Die Realität überrascht: weniger süss als befürchtet, ein Hauch Vanille, irgendwie nach Brausepulver aus Kindertagen. Es wird unser Begleiter für den Rest der Reise.
abende in der bar
Die Abende verbringen wir in Bars und Lokalen, die Edinburgh reichlich hat. Im McGonagalls Gin & Whisky Emporium bestellen wir Whisky-Flights und Cocktails – einen Rhubarb Sour, einen Strawberry Sour –, die Bedienung ist herzlich und aufmerksam. In der Old Pal Bar teilen wir uns Tatar, Korean BBQ Ribs und Miniburger mit Austernpilzen: Das Essen ist grandios, das Ambiente stimmt. Bei Knoops auf der Victoria Street bestellen wir eine heisse Schokolade – und sind enttäuscht. Sie kommt im Pappbecher und schmeckt etwas griesselig. Manche Erwartungen überleben den Vergleich nicht.
Nach vier Nächten und drei vollen Tagen übergeben wir den Schlüssel. An der Rezeption sagen wir, was wir denken: dass wir wiederkommen werden. Das stimmt.