USA 2022 - 10 sedona - grand canyon

Wir hatten Schwierigkeiten in unsere Unterkunft zu gelangen, bestaunten rote Felsen und atmeten die Luft einer tausendjährigen Geschichte ein. Am Schluss der Etappe standen wir bei einem der grössten Naturwunder der Welt.

der verflixte code

Es war Donnerstag vor dem Memorial-Weekend und ich befürchtete Schlimmes. Auf der malerischen AZ-89A von Flagstaff nach Sedona war eine Baustelle nach der anderen, trotzdem und entgegen meinen Befürchtungen kamen wir ganz gut vorwärts. Als wir den Wald verliessen und im Ort ankamen, war ich ab der Schönheit der umliegenden roten Berge überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass dort so viele Felsformationen zu sehen sein würden. Mir war bewusst, dass es den Bell Rock und den Cathedral Rock gibt, aber das waren nur zwei der unzähligen Berge. Ich verliebte mich augenblicklich in diese wundervolle Landschaft.

Südlich von Sedona in Big Park oder auch als Village of Oak Creek bezeichnet, wollten wir die nächsten vier Nächte verbringen. Wir hatten bereits online eingecheckt, als wir in Socorro das ominöse Mail von Lynx erhalten hatten. Nun war ich gespannt, ob der Code funktionierte, denn in den Rezensionen hatte ich gelesen, dass er das bei anderen Gästen nicht getan hatte.

Es kam, wie es kommen musste, die grosse Holztür liess sich nicht öffnen. Wir versuchten den Code einzugeben und danach diese oder jene Taste, es half nichts. Verzweifelt wollte ich über einen Hotspot und Internet-Telefonie die angeschriebene Telefonnummer anrufen, da kam uns ein Paar entgegen. Ich nahm an, dass es die Besitzer waren, brach den Anruf ab und schilderte unser Problem.

Sie waren Gäste einer der zur Anlage gehörenden Villen. Der Mann verriet uns den Code zur Eingangstür, der mit der erhaltenen Zahlenkombination nichts zu tun hatte und dann standen wir in der Halle. Von dieser aus ging es in die Küche, deren Herd nicht benutzt werden durfte und zu ein paar Zimmern. Eine Treppe führte zu weiteren Zimmern, aber keines war mit der Nummer 109 bezeichnet. Sie trugen Namen, aber weder wir noch das hilfsbereite Paar konnten erkennen, welches nun unser Raum war. Der Gast wollte mir mein Handy aus der Hand nehmen, um damit die Nummer anzurufen. Ich rebellierte, denn es war ein Geschäftshandy ohne Auslandspaket und ich wollte keinen Ärger mit meinem Arbeitgeber haben. Bevor wir ihm aber Reiners Mobiltelefon reichen konnten, rief er mit seinem eigenen Apparat an und erfuhr, dass wir im Country Room untergebracht waren. Zu diesem Zimmer im Obergeschoss passte dann auch der Code.

Das Zimmer war gross, verfügte über einen Wohn- und einen Schlafbereich sowie einen Balkon mit Sicht auf die wunderbaren Felsformationen von Sedona. Dass es bei vier Nächten bei einem alles andere als bescheidenen Preis kein Housekeeping gab, fand ich etwas befremdlich. Wenigstens konnte man sich in der Küche mit genügend WC-Papier eindecken.


eduard und eine coole location

Auf dem Salontisch lag eine Mappe mit Sehenswürdigkeiten und einem Gutschein für einen Rabatt im P J’s Village Pub. Den schnappten wir uns und fuhren dahin. Das war eine coole Location. Der lustige Kellner stellte sich als Eduard vor. Er lebte seit 14 Jahren in Sedona, kam aber ursprünglich aus England. Morgen sei Karaoke, da würde er singen. Wir verrieten ihm nicht, dass wir auf keinen Fall singen und auch noch andere Restaurants ausprobieren wollten.

wo ist das licht?

Zurück im Zimmer funktionierte das Licht im Bad nicht. Schon bei Bezug hatte es geflackert, nun wollte es gar nicht mehr, deshalb schrieb ich über Booking.com eine Nachricht an die Verwaltung. Dort erwähnte ich auch, dass die Ankunft unglücklich verlaufen war und sie sich für die Zukunft eine bessere Kommunikation überlegen sollten.

Am Morgen hatte ich vier Nachrichten von Adobe Village Inn in meiner Inbox. Die erste besagte, dass die Kreditkarte mit dem Betrag von 1'010.51 USD für die Unit AV – Country Room belastet worden sei. In der zweiten stand nochmals dasselbe und dass wir sie kontaktieren sollten, falls etwas nicht in Ordnung sei. Im dritten E-Mail las ich folgende Nachricht:

Hi *Vorname*

For your reference, your room is AV – Country Room.
The Main door code is XXXX and your room door code
is XXXX.

Thank you!

Schön – nur leider einen Tag zu spät. Das vierte Mail war die Antwort auf die Meldung wegen der defekten Lampe. «Thank you for that information. I will inform my team on this and I’ll get back to you.” Mein Englisch ist nicht das Beste, aber ich verstand, dass sie jemanden informieren und sich wieder bei mir melden wollte.

Lustigerweise ging das Licht wieder an, aber da es noch flackerte, fand ich es angebracht, wenn sich ein Handwerker das mal anschaute.


chill and grill

Zum Morgenessen gingen wir ins Red Rock Cafe im Village of Oak Creek. Florentine Benedict oder Banana Blueberry Walnut French Toast? Wir bestellten beides und teilten uns die Portionen, die so himmlisch waren, dass wir morgen wieder hier frühstücken wollten.

Nach ein bisschen Sightseeing in Sedona statteten wir dem Red Rock Ranger District Visitor Center, das sich ausserhalb von Big Park auf dem Highway 179 Richtung Süden befand, einen Besuch ab. Bei einer freundlichen Rangerin erkundigte ich mich, wo es den schönsten Sonnenuntergang zu sehen gäbe und wie das Bezahlsystem funktionierte. Das gesamte Red Rock-Gebiet war im Nationalparkpass enthalten, ausser die Crescent Moon Picnic Site, die State Parks und der Grasshopper Point. Das bedeutete aber auch, dass ich hier einen Stempel bekommen konnte. Das Büchlein lag im Auto und Reiner war so lieb, es mir zu holen, während ich mir das Visitor Center anschaute.

    

Wir waren nun genau sechs Wochen unterwegs, hatten so viel gesehen und erlebt, dass uns heute nach Chillen zumute war. Für mich hiess das, mich auf einen Liegestuhl in den hübschen Garten zu legen, zu lesen, zu schreiben und einfach ein bisschen zu sein. Reiner ruhte sich derweil im Zimmer etwas aus.

Während ich so dalag, hatte ich ein Auge auf die Treppe, die zu unserem Zimmer hochführte. Ich war gespannt, ob ein Handwerker kam, um die Lampe zu reparieren. Die einzigen, die ich jedoch durch die Fenster hindurchsehen konnte, waren ankommende Gäste, die sich mit dem Tor abmühten und als sie es mit Hilfe von anderen geschafft hatten, das Telefon ans Ohr hoben. Einer dieser Gäste telefonierte im Garten und ich konnte hören, dass er dieselben Probleme hatte, wie wir gestern bei unserer Ankunft.

Nach einem üppigen Frühstück brauchten wir kein Mittagessen mehr, dafür meldete sich der Magen früher für das Abendessen. Heute suchten wir uns dafür den COLT Grill BBQ and Spirits aus und orderten eine grosse Grillplatte für uns zwei. Die beinhaltete Baby Back Ribs, Pulled Pork, geräucherter Truthahn, Putenbratwurst und Brisket, welches wir in der fetten Ausgabe bestellten, weil die schmackhafter sei als die magere. Dazu für etwas Frische einen Cole Slaw, Reiners Lieblingssalat. Das Beste war das Brisket. Es war saftig, zart, aromatisch – einfach ein Traum! Die Platte war riesig und wir schafften sie nicht, also liessen wir uns eine Box geben.

An einem Tisch sass ein etwa zehnjähriger Junge allein und schaute sich einen Film an. Ein Gast herrschte das Kind an, es soll die Lautstärke drosseln oder das Handy ausschalten und regte sich furchtbar auf, was er seiner Partnerin lautstark mitteilte. Zur Bedienung meinte er ungehalten, sie solle dafür sorgen, dass das Kind aufhörte, so laut Videos zu schauen. Verunsichert schaute sie zu dem Kind und erwiderte dem Mann, dass das nicht ihr Kind sei, was den Gast fuchsteufelswild machte. Letztendlich wechselte er den Platz in grösstmöglichem Abstand zu dem Jungen, der weiterhin friedlich seine Videos schaute.

Jetzt wäre die beste Zeit, den Sonnenuntergang anzuschauen, doch Wolken hatten sich am Himmel breitgemacht. Selbst das Wetter gönnte uns heute einen Ruhetag, also beschlossen wir den Tag gemütlich auf unserem Balkon.


früh morgens …

Nach dem faulen Tag gestern war heute um 4:30 Uhr Tagwache. Ungeduscht gingen wir los, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Es war immer noch bewölkt, doch die Sonne blinzelte zwischen den Wolken hervor. Nur wenige Wanderer waren bereits unterwegs, die Parkplätze zu den Wanderwegen waren noch leer. Das war die Chance, zum Cathedral Rock Trailhead zu kommen. Gestern war die Strasse dahin wegen des vollen Parkplatzes gesperrt. Doch irgend so ein Idiot hatte kurz nach dem Kreisverkehr an der Back O Beyond Road sein Auto parkiert und die Polizei stand blinkend dahinter. Es war kein Durchkommen. Wir drehten noch eine Runde im Kreisverkehr, fuhren ein paar hundert Meter Richtung Sedona und wieder zurück. Das Geblinke des Polizeifahrzeugs hatte nicht aufgehört, wir gaben auf und fuhren zum Yavapai Trailhead. Von dort hatten wir einen guten Blick auf die umliegenden Berge, hinter denen langsam die Sonne hochstieg und der Tag erwachte.

    

Wir holten das Duschen nach und anschliessend gingen wir wieder ins Red Rock Cafe für ein deftiges Morgenessen. Die heutige Serviererin war schrill, aber lustig. Rund um uns herum unterhielten sich die Gäste über die Tische hinweg, man spürte, dass das Memorial Weekend begonnen hatte. Das Essen war wieder fantastisch, die Bedienung super, dementsprechend grosszügig fiel der Tip aus. Die Kellnerin schaute ins Etui und stiess einen Freudenschrei aus. Sie bedankte sich überschwänglich und ich fragte mich, ob sie sonst kein Trinkgeld bekam oder hatte sie bemerkt, dass wir deutsch sprachen und das Schlimmste befürchtet?


memorial day weekend picknick

Trotz des anstehenden Feiertages, der unzählige Gäste für das Wochenende nach Sedona gelockt hatte, fuhren wir zu einem der Hotspots von Sedona, der Crescent Moon Picnic Site. Ich hatte von dort schon viele traumhaft schöne Fotos gesehen, aber so genau wusste ich trotzdem nicht, was mich hier erwarten würde.

Wir zahlten die elf Dollar und stellten uns auf einen Parkplatz neben einem Pick-up, dessen Fahrer und Beifahrer daran waren, Material vom Auto zu den Picknicktischen zu schaffen. Wir wollten aber zum Creek und überlegten, ob wir die Campingstühle mitnehmen sollten. Da wir aber nicht wussten, wie weit wir laufen mussten und ob es Platz für Stühle gab, liessen wir sie zusammen mit der Kühlbox im Kofferraum. Als wir ein Stückchen unterwegs waren, fiel mir auf, dass mein Kopf ungeschützt war und wir gingen nochmals zum Auto zurück, um das Käppi zu holen.

Der Parkplatz füllte sich und viele Familien strömten fast alle in dieselbe Richtung, in der auch wir unterwegs waren. Erst kamen wir auf eine grosse Wiese. Bäumen säumten den Oak Creek und am Ende der Grünfläche führte ein Waldweg zum Wasser. Dort wimmelte es von Leuten. Es wurde geplantscht und gelacht. Kühlboxen, Taschen, Stühle, Spielsachen und Grossmütter wurden über das Wasser gehoben. Es gab kaum ein Plätzchen, auf dem es sich nicht eine Familie gemütlich gemacht hatte. Alle hatten Spass und waren glücklich, einander zu sehen und einen schönen Tag miteinander zu verbringen.

Wir gingen weiter und kamen auf eine grosse Felsplatte, von der aus der Cathedral Rock sichtbar war. Ein Weilchen warteten wir, bis die jungen Mädchen sich vor der mondänen Bergformation abgelichtet hatten und waren überrascht, was für Verrenkungen dafür vorgenommen wurden. Sogar der hochgestreckte Hintern musste fotografiert werden. Nach einem Weilchen sahen wir ein, dass das Shooting noch länger dauern würde und spazierten weiter. Ein Weg führte auf eine Wiese, von welcher der Cathedral Rock wieder sehr schön zu sehen war, allerdings ohne Wasser im Vordergrund.

Je weiter wir gingen, desto weniger Leuten begegneten wir. Einige sahen aus, als ob sie eine längere Wanderung vor sich hätten und ein paar davon kamen nach kurzer Zeit wieder zurück. Irgendwann drehten auch wir um. Eine Gruppe junger Männer überholte uns, ich schätze, es waren Mexikaner. Der eine trug einen grossen durchsichtigen Plastiksack mit Erdnüssen, ein anderer hielt eine Tasche mit leeren Erdnussschalen in der Hand und ein dritter führte eine fast leere Gallone Milch mit sich. Die Kombination Erdnüsse und Milch kannte ich noch gar nicht. Die meisten anderen Besucher hatten vor allem Chips und Süssigkeiten dabei.

Nun war die Steinplatte fast leer und auch wir konnten ein paar Fotos schiessen, ohne einen Po oder anders posierende Möchtegernmodels vor der Linse zu haben. Zwei junge Mädchen sahen ein paar Jungs die wie sie um die vierzehn sein mussten. Sie taten alles, um deren Aufmerksamkeit zu erlangen, doch die Herren der Schöpfung hatten keinen Sinn für die Weiblichkeit vor ihren Augen. Schliesslich gaben die Mädchen auf und widmeten sich wieder ihrem Spiel.

   

Auf der grossen Wiese setzten wir uns auf eine Bank und beobachteten das Treiben. Viele Leute gingen, aber noch viel mehr kamen. Wo um alles in der Welt wollten die noch ein Plätzchen finden? Irgendwann meldete sich die Blase und der Magen, deshalb schlenderten wir langsam Richtung Auto. Die Toilette verliess ich so schnell wie möglich wieder, um den von nebenan zu hörenden Würgegeräuschen zu entgehen.

Beim Auto war noch genau ein Picknicktisch frei, nämlich derjenige, der am nächsten zu unserem Auto lag. Die Familie von nebenan belegte zwei Tische und auf den anderen Plätzen standen Lebensmittel, Taschen und Kühlboxen, aber keine Menschenseele war zu sehen. Sie vertrauten wohl darauf, dass niemand etwas mitgehen liess.

Zu jedem Picknickplatz gab es einen Grill, aber die waren wegen der Waldbrandgefahr mit gelben Bändern verschlossen, sodass sie nicht benutzt werden konnten. Wir liessen uns das gestern übrig gebliebene Pulled Pork mit ein paar Crackern schmecken und assen Äpfel, unsere Hauptvitaminquelle in den letzten Wochen.

Von unserem Platz aus konnten wir den Eingang überblicken. Ein Auto nach dem anderen versuchte reinzukommen, doch alle Parkplätze waren besetzt. Manche drehten Runden und der eine oder andere hatte Glück, dass er einfahren konnte, wenn jemand die Picnic Area verliess. Auch wir machten jemandem eine Freude, indem wir wegfuhren.

Wir schauten uns noch etwas die Gegend an, den Rest des Nachmittags verbrachten wir im Garten der Unterkunft. Wieder kamen neue Gäste an und wieder hatten sie Mühe, ins Haus zu kommen. Auch die Betreiber hatten sich wegen des Lichts im Bad nicht gemeldet. Da es inzwischen mehrheitlich funktionierte, hakte ich nicht nach.

Nach einem italienischen Abendessen gingen wir zum Yavapai Vista Point, um den Sonnenuntergang zu geniessen. Zwei Jungs und eine Frau um die zwanzig kamen von oben heruntergewandert und hielten in unserer Nähe an. Der eine hüpfte elegant auf eine Mauer und posierte gekonnt für ein Foto. Dann war der andere Mann dran und am Schluss liess auch sie sich fotografieren. Dabei kommandierte sie die zwei Freunde herum, es war ganz klar, wer von den Dreien der Chef war. Anschliessend feierten sie an einem Picknicktisch und wir widmeten uns dem Sonnenuntergang.

     


coffee pot

Hörte man sich in der Sedona-Facebook-Gruppe um, so wurde immer wieder «Coffee Pot» für ein tolles Frühstückserlebnis genannt. Das steuerten wir an, doch der Parkplatz war proppenvoll. Wir drehten eine Runde und hatten beim zweiten Versuch das Glück, dass jemand rausfuhr und uns Platz machte. Das Restaurant war gross, sah gemütlich aus und war offensichtlich sehr beliebt. Wir kamen auf die Warteliste. Das Personal war sehr nett, das Essen war gut, aber das Red Rock Cafe gewann in allen Punkten: Die Bedienung war noch mehr um den einzelnen Gast bemüht, das Essen war noch besser, es gab keine Wartezeiten und das Ambiente gefiel mir dort auch besser, als im Coffee Pot.

fahren oder wandern?

Wir fuhren zum Red Rock State Park. Beim Eingang fragte der Ranger: «Drive or hike?». Ich war etwas verwirrt, denn ich dachte, dass dies ein Park sei, in dem man nicht fahren kann, aber wenn er so fragte, antworteten wir mit: «Drive». Er erklärte schmunzelnd, dass dies ein Wanderpark sei, dann erwiderten wir, dass wir dann wohl wandern wollten und er verkaufte uns ein Ticket für den Tag. Wir müssten jedoch oben beim Visitor Center parkieren, weil unten eine Veranstaltung stattfände und die Parkplätze dafür reserviert seien.

Als erstes besuchten wir das Visitor Center, dann setzten wir uns an einen der Picknicktische, um uns zu beratschlagen, welchen Wanderweg wir unter die Füsse nehmen wollten. Drei der Tische waren von Chinesen in Beschlag genommen worden. Eine ganze Wagenladung voller Essen war darauf verteilt. Sogar eine Kochplatte für das Aufkochen von heissem Wasser hatten sie dabei. Es wurden Suppen geschlürft und andere Speisen vertilgt. Wir kamen zum Schluss, dass uns überhaupt nicht nach Wandern war und nur weil wir nun Eintritt bezahlt hatten, wollten wir nicht etwas tun, worauf wir keine Lust hatten. Deshalb verliessen wir den Park Richtung Flagstaff.

Beim Oak Creek Vista erschreckte ich eine junge Frau, die gerade dabei war, sich in der Toilette umzuziehen. Sie lachte verlegen und ich erledigte, was erledigt werden musste, bevor ich wieder ins Auto einstieg. «Ratsch!», oh nein, das war meine Lieblingshose! Am Hosenbein klaffte ein riesiger Riss. Das viele Waschen hatte der Jeans wohl zugesetzt. Was sollte ich jetzt tun? Zurück wollte ich nicht, aber so konnte ich doch nicht rumlaufen! Reiner meinte, wenn ich mich «normal» verhielte, würde es niemandem auffallen. Nicht ganz überzeugt liess ich mich darauf ein.

und wir wandern doch

Wir fuhren zum Walnut Canyon National Monument, wo uns nach dem Kassenhäuschen eine Rangerin erklärte, dass das Nationaldenkmal heute sehr voll sei. Falls wir keinen Parkplatz fänden, sollen wir eine Runde drehen und allenfalls draussen beim Overflow-Parkplatz parkieren. Wir hatten Glück und stellten uns auf einen eben frei gewordenen Platz.

Im Walnut Canyon gibt es zwei Wanderwege: Der Rim Trail führt – wie es der Name schon sagt – am Rim entlang und der Island Trail in die Schlucht hinunter zu Klippenwohnräumen. Wir wählten den Rim Trail, der sich auf einer Höhe von 2040 Metern befindet. Es windete heftig. Die meisten Besucher setzten ihre Hüte und Caps ab, damit diese nicht Opfer des Windes wurden. Ich behielt mein Käppi auf, musste es aber andauernd festhalten. Die Aussichten waren sehr schön und die Wanderung einfach, aber der Gedanke an meine kaputte Hose begleitete mich stets. Erst als ich keinen einzigen merkwürdigen Blick erkennen konnte, entspannte ich mich langsam. Vielleicht war wirklich nichts zu sehen.

 

Zu meiner Überraschung erklärte Reiner, dass er auch den Island Trail gehen wollte, was er dann auch tat. Ich wartete derweil oben, spazierte ein bisschen durch die Gegend und setzte mich schliesslich auf eine Bank hinter dem Visitor Center. Auf einer Tafel konnte ich lesen, dass 273 Treppenstufen in die Tiefe führten, dass darauf hingewiesen wurde, genügend Wasser dabei zu haben und in fetten Lettern stand: «Going down is optional. Returning is mandatory.». Die meisten lasen dieses Schild erst nach ihrer Rückkehr und amüsierten sich.

Die Cliff Dwellings, die sich Reiner derweil anschaute, waren von den Sinagua errichtet worden, einer präkolumbianischen Kulturgruppe, die von etwa 1100 bis 1250 nach Christus im Walnut Canyon gelebt hatte. Das Gebiet beim Walnut Canyon enthält den Walnut Creek, der eine gut 180 Meter tiefe Schlucht geschnitzt hatte. Der Bach mündet auf dem Weg zum Grand Canyon in den Little Colorado. Der Boden der Schlucht beherbergt mehrere Arten von Walnussbäumen, nach denen die Schlucht benannt ist. Viele der alten Wohnstätten wurden um einen U-förmigen Mäander in der Schlucht herum gebaut, wo der Bach drei Seiten eines hohen Felsplateaus umkreist und fast eine «Insel» bildet, deshalb der Name des Wanderwegs.

Ein Mann und ein kleiner Junge in Pantoffeln kamen die Treppen hoch. Der Mann schnaufte und meinte zu seinem Sohn: «You got it!». Der Kleine hätte es dem Anschein nach auch noch ein zweites Mal geschafft, nicht so der Vater, der ziemlich am Anschlag war.

   

Rund eine Stunde später war Reiner zurück und berichtete mir freudestrahlend von seinen Erlebnissen. Wir verliessen den Ort, fuhren nach Village of Oak Creek zurück, wo unser Parkplatz besetzt war. Reiner stellte sich hinter den Falschparkierer. Mich ärgerte das sehr, zumal wir heute vorhatten, zu Fuss zum Essen zu gehen.

Am Eingang war ein älteres Paar dabei, sich Zugang zu verschaffen, hatte aber nicht den richtigen Code. Schon wieder! Reiner verriet ihnen die korrekten vier Zahlen und wir erzählten, dass es uns gleich ergangen war, als wir das Zimmer beziehen wollten. Sie hatten aber noch weiteres Pech, denn ihr Zimmer war ungemacht. Zerknüllte Laken lagen auf dem Bett, der Müll war nicht geleert und geputzt worden war bestimmt auch nicht. Das Paar liess die Zimmertür offenstehen und reiste ab.

Vom Balkon aus sah ich einen Mann unten bei den Autos und ich rief ihm zu, ob das auf unserem Parkplatz sein Auto sei. Ja, war es. Er versuchte aus der Parklücke zu manövrieren, hatte aber bevor Reiner unseren Jeep wegfuhr, keine Chance, rauszukommen.

whiskytasting

Für den letzten Sedona-Abend wollten wir nochmals zu Colt Grill, um dieses unbeschreibliche Brisket zu essen und Whiskys zu testen. Ich bestellte an der Theke Brisket und Cole Slaw und zwei Whisky-Menüs an der Bar. Der Barkeeper meinte, dass ein Menü aber drei Shots beinhalte, doch wir waren zu zweit, das schafften wir, schliesslich waren wir zu Fuss da. Das Brisket war wieder so unglaublich lecker, dass ich glatt eine zweite Portion geschafft hätte. Die Whiskys aus Kentucky mundeten uns beiden ausgezeichnet, hingegen waren wir von den Nevada-Whiskys nicht überzeugt.


grand canyon, wir kommen

Zum Abschied von Sedona beziehungsweise von Village of Oak Creek assen wir nochmals im Red Rock Cafe dasselbe, wie beim ersten Besuch. Die Kellnerin bekam mit, dass wir nach der Halbzeit die Teller tauschten und grinste.

Als wir unser Zimmer verlassen hatten, war die Tür zum benachbarten Raum immer noch offen gestanden. Gerne hätte ich gewusst, was die beiden nach ihrem unerfreulichen Erlebnis angestellt hatten, ob die Besitzer ihnen eine andere Unterkunft angeboten hatten oder wo sie an diesem gut besuchten Wochenende untergekommen waren. Wir werden es nie erfahren.

Ein letztes Mal fuhren wir auf der 89A durch die wundervolle Landschaft entlang des Oak Creeks. Ich nahm die Midgely Bridge auf, allerdings war der Parkplatz bereits voll. Reiner stellte sich an die Seite und wartete kurz auf mich, bis ich fertig war.

Der nächste Stopp war beim Oak Creek Vista, wo ich an den Ständen der Navajos vorbei bis ans Ende des Weges ging, um mir die Aussichten anzuschauen. Nun folgte eine lange Strecke bis zum Grand Canyon und natürlich drückte schon wieder meine Blase. In Tusayan hielt ich es nicht mehr aus, es musste ein Boxenstopp beim McDonalds eingelegt werden. Erleichtert nahmen wir die kurze Strecke bis zum Nationalpark unter die Räder. Ein digitales Schild wies darauf hin, dass sich Besitzer eines Parkpasses in die Kolonne 1 einreihen sollten, doch diese Spur war gesperrt. Die vier übrigen Spuren stauten sich, es ging nur sehr langsam vorwärts. Als wir endlich an der Reihe waren, kontrollierte der junge Ranger den Jahrespass, glich ihn mit meinem Pass ab und hatte überhaupt keine Eile. Er erkannte, dass wir aus der Schweiz kamen und fragte, ob wir Parkinformationen in deutscher oder französischer Sprache haben wollten. Als das geklärt war, bekamen wir zwei verschiedene Karten je in zweifacher Ausführung – für jede Person eine. Ich liebe ja diese Maps, aber eine hätte gereicht.

  

Es war Memorial Day und der Grand Canyon National Park war erwartungsgemäss sehr voll. Wir versuchten es schon gar nicht, den Shuttle Bus zu nehmen, war aber auch nie unser Plan. Wir fuhren den Desert View Drive Richtung Osten und hielten bei jedem View Point. Das Wetter war herrlich und trotz der vielen Leute gab es genügend Platz, um den eindrucksvollen Canyon zu bestaunen. An einem dieser Aussichtspunkte beobachtete ich eine Krähe, die ein Loch in eine volle Wasserflasche hackte und das Wasser soff. Schlaues Kerlchen, dachte ich und merkte erst beim Gehen, dass ein paar Harley-Fahrer diese Szene ebenfalls mit ihren Handys gefilmt hatten.

     

Unser heutiges Endziel war jedoch nicht dieses Naturwunder, sondern Page, die jüngste Ortschaft der Vereinigten Staaten. Page war im Jahr 1956 für die Unterbringung der Bauarbeiter des Glen Canyon Dams errichtet worden. Durch seine Lage am Lake Powell, die umliegende Glen Canyon National Recreation Area und das Vermilion Cliffs National Monument ist es ein bei Touristen sehr beliebter Ausgangspunkt.

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